Gedanken zur Boxerzucht

vom 12.12.2013
Gedanken zur Boxerzucht in Deutschland

Im Zuchtbuch von 1990 wurden noch 2.267 Welpen eingetragen. Mit den immer wieder neuen Reglementierungen zur Zucht verringerten sich die Zuchtbucheintragungen Jahr für Jahr. In den letzten Jahren hat sich dann die Welpenzahl auf ca. 1.500 stabilisiert. Meine Hauptaufgabe als Zuchtleiter sah ich darin, die Boxerzüchter vor weiteren Reglementierungen zu schützen. Jetzt zur nächsten Hauptversammlung liegt eine Flut von neuen Anträgen vor, womit man die Zucht noch mehr einschränken wird und die Züchter noch mehr knebeln will.
Wer einen Antrag zur Änderung der Zuchtordnung stellt, der sollte sich doch erst einmal vor Augen halten, ob dringend etwas verbessert werden muss und ob dieser gerechtfertigt ist. Liest man aber die meisten der jetzigen Anträge, dann geht es den Leuten doch nur darum, etwas noch weiter zu regulieren. Das Ergebnis wird sein, die Zucht geht weiter zurück.
Ob es nun die Anträge sind, nach denen man vorschreiben will, welcher Befund mit welchem gepaart werden darf. Diese Regelung hatten wir vor Jahren bzw. bis zur Einführung der Zuchtwertschätzung und hat uns wenig Verbesserung gebracht. Der Befund eines Hundes muss nicht unbedingt mit seiner genetischen Veranlagung identisch sein. Ich erinnere hier an Caligula del Colle dell‘Infinito, der HD-Leicht hatte, aber seine Nachzucht viel besser in den Befunden war, als von HD-freien Hunden. Oder es sei auch Kismet vom German Dream erwähnt, der Spondylose leicht hatte und trotzdem so ziemlich der sauberste Vererber bei Spondylose war.
Wir haben eine Fülle von Möglichkeiten uns über die Nachzuchten zu informieren, da brauchen wir keine engstirnigen Vorgaben. Auch zusätzliche Untersuchungen zur bestehenden Herzbefundung sind nicht notwendig. Trotz aller Voreingenommenheit vieler Veterinäre zeigt unsere Statistik, basierend auf den Herzbefunden, dass unsere Rasse mit dem Herzen recht gut da steht. Auch die jahrelange Selektion durch die Ausdauerprüfung zeigt hier Ergebnisse.
Jedes Jahr veröffentlichte ich mit dem Jahreszuchtbericht auch die Statistiken, wo man erkennen konnte, wie wir mit der HD, Spondylose oder Herz dastehen. Daraus ist doch erkennbar, dass überhaupt keine Notwendigkeiten für weitere Einschränkungen bestehen!
Die Meldungen über die Todesursachen beim Boxer haben wenig ergeben. Dafür wurden nicht von allen diese Meldungen eingereicht, sondern überwiegend von Leuten, die stolz das hohe erreichte Alter mitteilten. Weder die damals hochgespielte JRD noch andere Erkrankungen zeichneten sich ab. Es empfiehlt sich, diese Meldepflicht aus der Zuchtordnung zu entfernen und nur bei dringendem Bedarf sie zwingend wieder einzuführen.
Hier soll noch einmal aufgezeigt werden, wie gefährlich jede weitere Einschränkung und damit Verkleinerung des Genpools für die Rasse ist (s. Abbildung unter Datei Bild am Ende des Textes):
Wir haben es geschafft, unsere Boxerzucht in Deutschland kaputt zu reglementieren. International haben wir den Anschluss verloren und auf großen Siegerausstellungen steht kaum noch ein in Deutschland gezüchteter Boxer an der Spitze. Schaut man sich allerdings die Paarungen an, die im Boxerblatt veröffentlicht werden, dann ist das auch bis auf wenige Ausnahmen kein Wunder. Bei der Rüdenwahl wird der Formwert hinten angestellt und man setzt auf andere Prioritäten. Ausschlaggebend bei der Rüdenwahl sind dann die Nicht-Weißerbigkeit, Ausbildungskennzeichen oder die Zuchtwertschätzung. Der Boxer als Gesamtbild wird außer Acht gelassen und man konzentriert sich auf die genannten Dinge. Dass dann die Zuchtprodukte entsprechend aussehen, ist kein Wunder. Über die Nicht-Weißerbigkeit habe ich schon genug in meinen Jahresberichten geschrieben und will mich nicht wiederholen.
Wer glaubt, seinen Deckrüden auf der deutschen Meisterschaft suchen zu müssen, wird auch bald eines besseren belehrt. Erlerntes wird nicht vererbt und nur die genetischen Anlagen für die Triebe werden vererbt. Ich habe in meiner über 50-jährigen Mitgliedschaft noch nicht einmal erlebt, dass ein Leistungssieger einen Nachkommen hatte, der auch wieder Leistungssieger war. Es hat sich aber gezeigt, dass bestimmte Hundeführer über Jahre mit verschiedenen Hunden an der Leistungsspitze standen. Dafür gibt es aber eine Fülle von Beispielen, wo ein Champion auch wieder Champions in der Nachzucht hatte. Einige wenige Züchter nehmen die weiten Wege und Strapazen auf sich und fahren zu den Spitzenrüden ins Ausland. Früher sind die Ausländer mit ihren Hündinnen nach Deutschland zum Decken gekommen, heute müssen wir eben den umgekehrten Weg gehen.
Überhaupt, statt weiterer Einschränkungen in der Zucht, sollte darüber nachgedacht werden, wie wir uns international anpassen können. Als Beispiel wäre hier die Spondylose zu erwähnen. Alle Länder in Europa, sofern sie überhaupt auf Spondylose untersuchen lassen, haben als Mindestalter 12 – 14 Monaten. Wir in Deutschland haben als Mindestalter 2 Jahre, dürfen allerdings mit 18 Monaten schon mit den Tieren züchten, sofern sie die entsprechenden Voraussetzungen haben. Warum sollte nicht das Mindestalter auf wenigstens 18 Monaten gesenkt werden??
Spondylose kann man bei fast jedem Boxer nachweisen, es ist nur eine Frage des Alters. Ich habe Anrufe von Boxerbesitzern erhalten, die völlig geschockt waren, als bei ihrem Hund mit 6 Jahren wegen Beschwerden noch einmal die Wirbelsäule geröntgt wurde und man stellte Spondylose fest. Die Hunde waren nachweislich mit 2 Jahren Spondylose frei. Aber nicht nur der Boxer, auch andere große Rassen und zum Teil wir Menschen haben damit Probleme, hier ist die Wissenschaft gefordert.
In der letzten Zeit wählten immer mehr Funktionäre Boxerwelpen aus dem Ausland, worüber einige Mitglieder reden. Aber warum gehen bewusst diese Leute das erhöhte Risiko ein, einen Welpen aus dem Ausland zu nehmen, wo nicht alle Vorfahren befundet sind und auch selten alle einer Wesensüberprüfung unterzogen wurden. Man weiß aber, dass hier Elterntiere verpaart wurden, die hoch im Formwert stehen und sich meistens schon als Vererber bewiesen haben.
Zur Zuchtwertschätzung wäre noch zu erwähnen: Als wir vor Jahren auf der Hauptversammlung mit überwältigender Mehrheit die Zuchtwertschätzung einführten, glaubte man, das Universalrezept für die Zucht gefunden zu haben. Wie sich aber im Laufe der Jahre herausstellte, ist die ZWS zwar ein züchterisches Hilfsmittel, doch mit einigen Mängeln behaftet. Wer sich natürlich nur von der ZWS bei der Paarung seiner Boxer leiten ließ, war hier schlecht beraten. Oberstes Gebot sollte immer das Erscheinungsbild des Boxers sein und erst danach schaut man, ob die Zuchtwerte passen.
Eine große Hilfe war die ZWS bei der Bekämpfung des Kryptorchismus. Hier wurde die Quote von ehemals 15 – 18% auf deutlich unter 10% gesenkt und das seit Jahren. Ausgerechnet hier liegt wieder ein Antrag vor, der die ZWS für Kryptorchismus nur zur Information haben will. Wenn man aber wie früher die hoch belasteten Tiere uneingeschränkt in die Zucht lässt, dann werden wir neue Rekorde an Hodenfehlern erreichen.
Wo uns die ZWS nichts gebracht hat, ist bei der HD. Trotz vorgeschriebener Zuchtwerte neben den Befunden und Zuchtverbot ab HD-mittel ist in den letzten Jahren eine geringfügige Verschlechterung festzustellen.
Bei der Spondylose und Herzuntersuchung, wo keine Zuchtverbote bestehen und es dem Züchter freigestellt ist, haben wir eine konstante Verbesserung von Jahr zu Jahr. Das sind nachweisbare Tatsachen und nicht irgendwelche Wunschträume.
Ich appelliere deshalb an alle Delegierten, die über die vorliegenden Anträge abstimmen: Überlegen Sie genau, was für unsere Rasse notwendig und was schädlich ist. Machen Sie sich nicht zum Totengräber der Boxerzucht in Deutschland! Unser Boxer hat etwas Besseres verdient.

Peter Holzhausen, Zuchtleiter